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Was Dürre und Klimawandel für die Wildnispädagogik bedeuten

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Ausgetrocknete Bäche, Feuerverbote schon im Frühling, Bäume, die ganz ohne Sturm umstürzen: Der Klimawandel ist in den Wäldern Mitteleuropas längst keine abstrakte Zukunftsfrage mehr, sondern ein Alltag, mit dem jeder umgehen muss, der viel draußen unterwegs ist. Für die Wildnispädagogik bedeutet das mehr als nur ein neues Thema am Rande. Es verändert, wie Kurse geplant, Workshops gestaltet und Naturbeobachtung überhaupt betrieben werden.

Der Wald spricht zu uns

Wenn wir viel Zeit draußen verbringen, vor allem wenn wir geschult sind in der Kunst des Fragenstellens, stellen wir schnell fest, dass der Wald selbst immer mit uns kommuniziert. So schaffen wir es, Veränderungen schneller zu erfassen, als sie in den Nachrichten stehen. "Der Fährtenleser weiß immer zu erst" -Tom Brown Jr.

Genau hier liegt die Stärke des ganzheitlichen Fährtenlesens. Wenn du kleinste Details in der Spur erkennen und deuten kannst, entwickelst du automatisch ein Gespür für ökologische Zusammenhänge und deren Verschiebungen.

 

Wenn die Bäche schweigen

Trockenheit zeigt sich zuerst dort, wo Wasser fehlt. Bachläufe, die früher das ganze Jahr über Wasser führten, sind inzwischen zeitweise komplett trocken. Quellen versiegen früher im Jahr als gewohnt. Für Wälder bedeutet das mehr als nur weniger Trinkwasser. Ohne ausreichend Feuchtigkeit im Boden geraten Bäume unter Stress, werden anfälliger für Schädlinge und können auch ganz ohne Windeinwirkung instabil werden.

Ein Ökosystem verändert sich nie plötzlich. Es flüstert die Veränderung zuerst, bevor es schreit.


Phänologie: Wie die Natur ihre eigene Uhr neu stellt

Die Wissenschaft, die solche jahreszeitlichen Verschiebungen systematisch untersucht, heißt Phänologie. Sie beschäftigt sich mit dem zeitlichen Verlauf wiederkehrender Naturereignisse wie Blattaustrieb, Blüte, Vogelzug oder Insektenschlupf. Aus dieser Forschung stammt auch der Begriff Shifting Baseline. Der Begriff wurde in den 1990er-Jahren vom Meeresbiologen Daniel Pauly geprägt und beschreibt ein einfaches, aber folgenreiches Phänomen.

Jede Generation hält den Naturzustand, den sie zu Beginn ihres eigenen Erlebens kennengelernt hat, für die Normalität. Veränderungen, die sich über Jahrzehnte vollziehen, fallen dadurch kaum auf, weil der Vergleichsmaßstab sich mit jeder Generation leise verschiebt. 

Ein anschauliches Beispiel liefert Japan. Seit rund 1.200 Jahren wird dort die erste Kirschblüte des Jahres dokumentiert. Über viele Jahrhunderte hinweg blieb der Zeitpunkt erstaunlich konstant. Erst mit Beginn der Industrialisierung verschob er sich zunehmend nach vorne, in den vergangenen Jahren wurden wiederholt neue Frühblüh-Rekorde aufgestellt. Eine so lange, lückenlose Beobachtungsreihe macht sichtbar, was im eigenen Lebensalltag oft unbemerkt bleibt.

Was sich im Wald sichtbar verändert

Wer regelmäßig draußen unterwegs ist, kann eine ganze Reihe solcher Verschiebungen beobachten:

  • Wasserstände: Bäche und kleine Quellen führen deutlich weniger oder zeitweise gar kein Wasser mehr.
  • Baumgesundheit: Geschwächte Bäume können auch ohne Sturm instabil werden, ein Blick nach oben gehört deshalb inzwischen zu jeder Waldbegehung.
  • Tierverhalten: Wildtiere werden bei Wasserknappheit sichtbar zutraulicher, weil sie aktiv nach Trinkmöglichkeiten suchen.
  • Neue Arten: Wärmeliebende Tier- und Insektenarten, die früher nur in südlicheren Regionen vorkamen, breiten sich zunehmend auch in Mitteleuropa aus.
  • Verschobene Zyklen: Zugzeiten von Vögeln und das Schlüpfen von Insekten laufen nicht mehr automatisch parallel, was ganze Nahrungsketten unter Druck setzt.

Die Aufgabe der Wildnispädagogik

Für die Kojote-Akademie gehört die Beobachtung solcher Veränderungen untrennbar zur eigenen Arbeit dazu. Ganzheitliches Fährtenlesen heißt nicht nur, eine Spur zu erkennen, sondern die richtigen Fragen an ein Ökosystem zu stellen: Warum verändert sich gerade jetzt das Verhalten einer Tierart? Was bedeutet ein ausgetrockneter Bach für die Tiere, die auf ihn angewiesen sind? Antworten liefert am Ende oft die Wissenschaft, aber ohne die richtige Frage gibt es auch keine Antwort zu finden.

Die Kunst des Fragenstellens wird angesichts des Klimawandels zu einer der wichtigsten Fähigkeiten der Naturbeobachtung überhaupt.


Gleichzeitig bedeutet das für die praktische Arbeit auch, flexibel zu bleiben. Feuerworkshops, die über Jahre zum festen Programm gehörten, lassen sich in trockenen Sommern oft nicht mehr wie geplant durchführen. Wildnispädagogik muss dann Alternativen anbieten, ohne dass die Qualität oder Tiefe des Angebots darunter leidet.

Zwei einfache Wege, selbst aktiv zu werden

Wer den eigenen Garten oder die nähere Umgebung naturverträglicher gestalten möchte, muss dafür nicht viel verändern. Zwei Ansatzpunkte, die tatsächlich einen Unterschied machen:

  • Wasser für Wildtiere bereitstellen: Eine flache, täglich gefüllte Wasserschale im Garten hilft Vögeln und anderen Tieren gerade in trockenen Sommern, ausreichend zu trinken.
  • Zurückhaltung bei offenem Feuer: In Zeiten hoher Waldbrandgefahr auf Lagerfeuer und offene Flammen im Wald zu verzichten, ist einer der wirksamsten Beiträge, die Einzelne leisten können.

Wie genau ein Feuerworkshop aussieht, der trotz Dürre genauso viel Tiefe und Begeisterung vermittelt, und was Wildnispädagogen sonst noch an Wassermangel, Fuchsbandwurm-Zyklen und neuen Nachbarn im Wald beobachtet haben, hört ihr in der aktuellen Folge von „Die Wildnispädagogen" überall wo es Podcasts gibt, und hier.

🐾 Mehr über Wildnispädagogik und die Philosophie dahinter: www.kojote-akademie.de/philosophy-1

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Ralf und Theresa